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03.07.2017

Symposium/Zwölfapostelfest „Reformation und Ostkirchen“ 30. Juni – 1. Juli 2017

Foto: Rostyslav Myrosh

(am) Das diesjährige Zwölfapostelfest des Collegium Orientale in Eichstätt bot die willkommene Gelegenheit, die Ökumene auch im wissenschaftlichen Austausch zu fördern. Im Gedenkjahr der Reformation (1517-2017) in Deutschland finden zahlreiche Veranstaltungen, Konferenzen und Symposien statt, die sich wissenschaftlich mit dem Thema des Protestantismus, der aus der Reformation hervorgegangen Kirchen und nicht zuletzt des Ökumenismus bzw. des ökumenischen Dialogs zwischen den evangelischen Kirchen und den anderen christlichen Kirchen auseinandersetzen. Der Lehrstuhl für Fundamentaltheologie an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und das Collegium Orientale Eichstätt, in dem zahlreiche Studierende aus den Ostkirchen leben und studieren, unternahmen gemeinsam am vergangenen Wochenende im Rahmen eines wissenschaftlichen Symposiums eine Annäherung an das Thema „Reformation und Ostkirchen“. Die Organisatoren dieser wissenschaftlichen Veranstaltung knüpfen damit an eine lange Tradition der abwechslungsreichen Beziehungen zwischen den Kirchen der Reformation und den Ostkirchen an. Seinen Ausklang fand das Symposium im Festakt zum jährlichen Zwölfapostelfest des Kollegs am Samstag, 1. Juli (Festtagsvesper im byzantinischen Ritus, Festvortrag zum Thema „Verheißung und Versuchung. Beobachtung zur Großen und Heiligen Synode der Orthodoxen Kirche auf Kreta 2016 aus einer lutherischen Sicht“ von Herrn Professor Dr. Reinhard Thöle [Halle] und Festempfang). Sowohl das Symposium als auch das Zwölfapostelfest erfreuten sich einer regen Teilnahme von Gästen, und zwar aus den drei Konfessionen, der orthodoxen, der evangelisch-lutherischen und der katholischen.

Zum Verhältnis zwischen Reformation und den Ostkirchen

Von Anfang der Reformation an zeigten die Reformatoren ein recht großes Interesse für die Kirchen des Ostens. Für dieses Interesse lassen sich mindestens zwei Gründe anführen. Erstens imponierte den Protestanten die Tradition der orthodoxen altorientalischen Kirchen, die auf der Heiligen Schrift, Kirchenvätern, ökumenischen Konzilien ruhte. Die „Rückkehr“ zu den alten „unverfälschten“ Überlieferungen entsprach den reformatorischen Vorstellungen von der Erneuerung der Kirche. Zweitens schien für sie, dass die Organisationsstruktur der Ostkirchen ihren idealistischen Erwartungen von den Kirchenordnungen am nächsten stehen würde. Denn die Struktur der Ostkirchen zeichnete sich im Gegensatz zu der vom Papst geleiteten katholischen Kirche durch die Synodalstrukturen aus. An der Spitze einer jeden Ostkirche steht bis heute nämlich eine Bischofssynode als eine kollegiale Struktur, die von einem Patriarchen, Katholikos, Metropoliten bzw. Erzbischof geleitet wird. Als in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Reformation ausgebrochen war, durfte außerdem die Ablehnung der katholischen Kirche mit dem Papst als ihrem Oberhaupt durch die Ostkirchen für die Reformatoren attraktiv gewesen sein. Denn sie hätten in den Kirchen des Ostens wegen ihrer eigenen antirömischen Einstellung mit einem guten Koalitionspartner rechnen können. Bereits 1519 griff Martin Luther in seiner Argumentation auf die östlichen Traditionen zurück, um seine Gegner aus dem katholischen Lager in die Ecke zu treiben. So verwies er in der theologischen Auseinandersetzung mit Johannes Eck auf die orthodoxen Kirchen, die genau wie die Reformatoren die Ansprüche des römischen Papstes auf die gesamtkirchliche Leitung ablehnten.

Nicht nur Luther, sondern auch andere Reformatoren suchten anfänglich die Nähe zu den Ostkirchen. Melanchthon pflegte beispielsweise gute Beziehungen zu den Orthodoxen. Er nahm Kontakt zum Patriarchen von Konstantinopel Joasaph II. (1555-1565) auf und behauptete in einem Briefwechsel mit ihm die Einheitlichkeit im Glauben auf der Grundlage der Bibel, der ökumenischen Synoden und der Kirchenväter. Melanchthon schickte sogar dem Patriarchen das Augsburger Glaubensbekenntnis in griechischer Übersetzung. Ganz besonders hob er hervor, dass in der orthodoxen Kirche den Laien die Kommunion unter zwei Gestalten, des Brotes und des Weines, gereicht wird, dass es in der orthodoxen Kirche keine „Privatmessen“, sondern immer Gottesdienste unter Beteiligung der Gläubigen gibt und dass die orthodoxe Kirche die Lehre vom Fegefeuer nicht kennt. In der Überzeugung einer großen Übereinstimmung in der Lehre mit der orthodoxen Kirche unterbreitete Melanchthon auch Einigungsvorschläge, die manche als einen ersten „ökumenischen Brückenschlag“ (Bryner, Erich, Die orthodoxen Kirchen von 1274 bis 1700, Leipzig 2004, S. 144) im Dialog zwischen Reformation und Orthodoxie werten. Auch gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden die Kontakte fortgesetzt, wie etwa zwischen dem Patriarchen Jeremias II. von Konstantinopel und den lutherischen Theologen aus Tübingen, die zu einer beachtenswerten Korrespondenz führten. Um den Ostkirchen näher zu kommen, behaupteten die Protestanten, dass sie in den Glauben nichts Neues einführen, sondern der Bibel und den Kirchenvätern treu bleiben würden. Die Unterschiede bestünden nach ihrer Auffassung nur in den Riten.

Es heißt aber bei weitem nicht, dass es seitens des Protestantismus keine Kritik in die ostkirchliche Richtung gab. Derselbe Martin Luther, der am Beginn seines Wirkens die Argumente aus der ostkirchlichen Tradition schöpfte, stellte zwei Jahrzehnte später, im Jahre 1539, bestimmte Mängel in der Orthodoxie fest, indem er z.B. das Amt des Patriarchen von Konstantinopel als solches bezeichnete, das sich von seinen Ansprüchen her vom Papstamt nicht unterscheide. Die Urteile der anderen reformatorischen Theologen fielen noch schärfer aus. Sie bemängelten, die orthodoxe Tradition sei voller Aberglaube. Die anderen kritisierten in den Ostkirchen zu viele „schauspielerische“ Zeremonien. Diese Kritik führte allmählich dazu, dass nicht nur katholische, sondern auch östliche Kirchen voll „Irrlehren“ wären. Ihre Mitglieder wurden für viele protestantische Kirchen zum Objekt der Missionierung. Es galt daher, möglichst viele für den Protestantismus zu gewinnen oder in den anderen Traditionen Fuß zu fassen. Ein bekanntes Beispiel eines partiellen und zeitlich begrenzten Erfolges dieser Anstrengungen war die Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche. Im 18. Jahrhundert stand die orthodoxe Theologie unter einem recht starken Einfluss der protestantischen Lehren, die zum Teil von den Orthodoxen selbst, die in den westeuropäischen Schulen ihre Ausbildung erhielten, in die eigene Tradition getragen wurden.

Diese protestantische „missionarische“ Einstellung war jedoch auch den anderen Konfessionen von damals zu eigen. In Folge des vorherrschenden exklusivistischen Denkens jener Zeit galt dasselbe für die Ostkirchen in Bezug auf die Kirchen der Reformation, die abtrünnigen protestantischen „Häretiker“ zum wahren Glauben zu bekehren.

Erst im 20. Jahrhundert beginnt in den Beziehungen zwischen der Reformation und den Ostkirchen eine neue Epoche, die im Zeichen der ökumenischen Bewegung steht. Die orthodoxen Kirchen beteiligen sich an den zahlreichen ökumenischen Projekten, die auf die protestantischen Initiativen zurückgehen. Sie sind mit wenigen Ausnahmen Mitglieder im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). Der ÖRK bietet sich als eine Plattform für die Begegnung und den Austausch mit den Kirchen der Reformation und fördert auch bilaterale Kontakte. So bestehen bilaterale theologische Gespräche zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und den einzelnen Ostkirchen wie etwa der russisch-orthodoxen Kirche, rumänisch-orthodoxen Kirche oder dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, die das gemeinsame zwischenkirchliche Engagement unterstützen.

Das Anliegen des wissenschaftlichen Symposiums

Bezugnehmend auf das oben skizzenhaft dargestellte Verhältnis zwischen der Reformation und den Ostkirchen ist das wissenschaftliche Symposium in Eichstätt zum einen ein Versuch, die zentralen systematischen Fragen aus dem Umfeld des orthodox-protestantischen Dialogs zu thematisieren. Dazu zählen vor allem die Fragen nach dem Verhältnis von Schrift und Tradition sowie der Rechtfertigungslehre im Dialog zwischen den drei großen christlichen Traditionen: Katholizismus, Orthodoxie und Protestantismus. Zum anderen geht es den Veranstaltern um die gegenwärtige Standortvergewisserung der Forschung zu dieser Thematik und um die zukunftsorientierten neuen Perspektiven. Vorgestellt werden im Rahmen des Symposiums außerdem die Kirchen, deren Geschichte und Existenz im Westen kaum bekannt sind. Dazu gehört beispielsweise die protestantische Kirche der byzantinischen Tradition, die seit 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Ukraine beheimatet ist und die östliche Tradition byzantinischer Prägung sich zu eigen gemacht hat und pflegt. Es ist geplant, die Vorträge in einem Symposiumsband zu veröffentlichen.