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10.01.2019

Ein besonderes Weihnachtsgeschenk des Ökumenischen Patriarchen für die Orthodoxe Kirche der Ukraine

Foto: www.pomisna.info

(op) So viele Gesänge, Gebete und Freudenausrufe in ukrainischer Sprache, wie am ersten Januarwochenende 2019, hat man in der St.-Georgs-Kathedrale des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel in Istanbul noch nie gehört. Und dazu gab es aus der Sicht der orthodoxen Ukrainer allen Grund.

Das diesjährige Fest der Epiphanie, am 6. Januar, war im Phanar, dem Sitz des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, von seinem theologischen Inhalt ein gewöhnlicher. Im Unterscheid zur römisch-katholischen Kirche, die an diesem Tag die Erscheinung Gottes, die Epiphanie in Jesus Christus durch die Anbetung der sterndeutenden Könige aus dem Morgenland begeht, feierte der Ökumenische Patriarch nach byzantinischer Tradition „das Fest der Taufe unseres Herrn, unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus“. Zusammen mit vielen Pilgern beging er festlich die Erscheinung des dreifaltigen Gottes am Jordan im Augenblick der Taufe Jesu Christi: In der Stimme des Vaters aus den geöffneten Himmeln, im Sohne, der zur Taufe in den Jordan hinabsteigt, und in Heiligen Geiste, der in Gestalt einer Taube herabsteigt. An diesem Fest ist daher eine Große Wasserweihe vorgesehen – in Konstantinopel/Istanbul mit einer Prozession zum Bosphorus verbunden –, was auch in diesem Jahr wie gewohnt der Fall war. Doch hatte das diesjährige Fest auch eine besondere Note, die von vielfacher Freude der ukrainischen Pilger getragen wurde; sie stellten auch die meisten Gottesdienstbesucher an diesem Wochenende im Phanar dar.

Zahlreiche Politiker, an deren Spitze der ukrainische Präsident Petro Poroshenko, und kirchliche Würdenträger kamen nach Konstantinopel, um einem Jahrtausendereignis beiwohnen zu dürfen. Denn an diesem Tag hat die orthodoxe Kirche der Ukraine ihre Eigenständigkeit von dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, dem Ehrenoberhaupt der byzantinischen Weltorthodoxie, verliehen bekommen. Die Urkunde darüber, „Tomos über die Autokephalie“ genannt, wurde am Samstag, 5. Januar, im Rahmen eines in Ukrainisch gefeierten Dankgottesdienstes offiziell unterschrieben. Am Sonntag darauf fand die offizielle Übergabe des Tomos im Rahmen mehrerer Gottesdienste, konkret nach dem Verlesen des Festtagsevangeliums zum Fest „Erscheinung des Herrn“, statt. Der gesamte Festgottesdienst dauerte sechs Stunden und wurde hauptsächlich in Griechisch und zum Teil in Ukrainisch gefeiert.

Die kirchlichen Würdenträger aus der Ukraine zusammen mit dem am 15. Dezember 2018 neu gewählten Metropoliten Epiphaniy durften die kunstvoll auf dem Hl. Berg Athos hergestellte Urkunde in Empfang nehmen und diese noch am gleichen Tag als kostbares Weihnachtsgeschenk zum Heiligen Abend (6. Januar nach dem julianischen Kalender) in die Ukraine bringen. Deren Inhalt ist für die orthodoxen Ukrainer natürlich das Wertvollste daran: Er bekundet offiziell, dass die ukrainische Kirche formal allen anderen bisher bestehenden 14 orthodoxen und unabhängigen Landeskirchen gleichgestellt wird. Anders gesagt, die orthodoxe Kirche in der Ukraine wurde offiziell autokephal, also selbständig und selbstverwaltend. Sie wird nun als die 15. autokephale orthodoxe Kirche unter den orthodoxen Schwesterkirchen gezählt. Alle orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition sind nun vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel, dem „ersten unter den gleichen orthodoxen Ersthierarchen“ eingeladen, ja aufgerufen, sich seiner offiziellen Kundgebung über die Autokephalie der orthodoxen Kirche der Ukraine zuzustimmen.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist über die Anerkennung der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“, so der Name der neuen kreierten Kirche, überhaupt nicht erfreut. Denn sie beurteilt den Sachverhalt anders, da sie die Ukraine zu ihrem Einflussgebiet zählt. Sie spricht in diesem Zusammenhang von ihrem kanonischen Territorium und ist in der Ukraine mit ihrer Jurisdiktion unter dem Namen „Ukrainische Orthodoxe Kirche“ registriert. Wie in der Geschichte mehrfach bezeugt, geht fast jede Verleihung der Autokephalie / der Unabhängigkeit an eine neue orthodoxe Kirche mit großen Spannungen und komplexen Entwicklungen einher. Dies geschieht vor allem deshalb, weil es immer eine Teilung bzw. Separation mit sich bringt: Eine größere orthodoxe Struktur oder Einheit soll dabei im Grunde genommen kleiner werden. Und wer wird gerne kleiner? Wer wäre freiwillig bereit, seinen Einfluss einschränken zu lassen bzw. sogar darauf zu verzichten? So ist es im Fall der ukrainischen Orthodoxie nicht anders.

Vergleichbar wäre die Entstehung einer neuen orthodoxen Kirche durchaus mit der Geburt und dem Heranwachsen eines Kindes. Es kommt auf die Situation und die Gesundheit der Mutter an. Es hängt auch von der Reife und der Entwicklung des Kindes ab. Eine besondere Rolle spielen dabei die äußeren Umstände, in denen der Geschwisterkreis lebt und wirkt.

Die Errichtung und Proklamation der orthodoxen Kirche der Ukraine ist eine schwere Geburt gewesen. Für die gesamte Orthodoxie ist sie schmerzhaft verlaufen und bleibt es gewiss noch für die nächsten Jahrzehnte. Denn eine komplexe kirchliche und politische Wirklichkeit stellt die Rahmenbedingungen der Entbindung und der Geburt dieser neuen orthodoxen Kirche dar: Unterschiedliche Beurteilung von bestimmten Ereignissen in der Geschichte des Christentums auf dem heutigen Territorium der Ukraine, Krieg zwischen Russland und der Ukraine, Spannungen zwischen den zwei patriarchalen Zentren Konstantinopel und Moskau sowie Fragen der Verquickung zwischen Staat und Kirchen in den betroffenen Ländern. Am 6. Januar 2019 endeten die seit Frühjahr 2018 andauernden Geburtswehen und das Kind ist auf die Welt gekommen mit dem Namen „Die Orthodoxe Kirche der Ukraine“, die 15. im weltweiten Gestirn der autokephalen orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition. Von den Ukrainern, die an vergangenen Wochenende im Phanar in Istanbul waren, wurde die Geburt mit großem Jubel willkommen geheißen und mit dem spontan angestimmten, bekannten ukrainischen Weihnachtslied „Eine neue Freude ist uns aufgeleuchtet“ besungen.

Eine kleine Gruppe von Priestern und Seminaristen des Collegium Orientale Eichstätt nutzte die Möglichkeit der Weihnachtsferien und reiste mit einer kurzfristig organisierten Wallfahrt und Studienreise nach Konstantinopel. Die Kollegiaten nahmen an diesem besonderen und geschichtlich bedeutenden Epiphaniefest im Phanar teil und wurden Zeugen eines besonderen Weihnachtsgeschenkes der Mutterkirche Konstantinopels für die Tochterkirche in der Ukraine. Sie erlebten hautnah die eindrucksvolle Geburtsstunde einer neuen orthodoxen Kirche, die unvergesslich bleiben wird.

Konstantinopel, 07.01.2019

Oleksandr Petrynko