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07.11.2017

„Die Bekehrung des ‚Verräters‘“

Foto: Nestor Lemeshko

(op) „Die Bekehrung des ‚Verräters‘“ war die Überschrift der hochinteressanten und kurzweilig vorgetragenen Abschiedsvorlesung des Professors Dr. Reinhard Thöle. Am Dienstag, den 7. November 2017, fand sie an der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Halle statt. Inhaltlich ging es um die theologische Analyse des weltberühmten Romans von Vladimir Volkoff (+2005) „Der Verräter“, der unter seinem Pseudonym Lavr Divomlikoff in mehreren Sprachen und in mehreren deutschen Auflagen erschien (1973 das erste Mal in Deutsch). Das Hauptsujet des Romans zeigt die geistige und geistliche Entwicklung eines sowjetischen Spions, der als atheistischer Gegner in die Kirche eingeschleust wird, um diese von innen heraus zu diskreditieren. Nachdem er die kirchliche Karriere, wie vorgesehen, bis zum Bischof durchmacht, geschieht etwas Unerwartetes. Durch sein Leben in der Kirche und die Feier der Liturgie findet er zum Glauben und wird überzeugter Christ.

Die psychologisch-theologische Analyse der Glaubensvorgänge des „Verräters“ bzw. des Kampfes in ihm zwischen der sowjetischen Ideologie und dem christlichen Glauben ist Herrn Professor Thöle ausgesprochen gut gelungen. Vorrangig ging es ihm hierbei „um geistliche Aspekte orthodoxen theologischen Denkens, die exemplarisch und subtil zugleich, ausgesprochen und unausgesprochen im ‚Verräter‘ zur Sprache kommen“.

Der Hörsaal war mit Dozenten aus dem Professorenkollegium, den Fachkollegen und Freunden von anderen Universitäten und verschiedenen Kirchen, unter anderen den Ostkirchen, und den Studierenden sehr gut gefüllt. Das Collegium Orientale Eichstätt wurde durch Rektor Dr. Petrynko vertreten. Alle Hörer der Abschiedsvorlesung folgten mit großem Interesse den mit Spannung ausgestalteten Ausführungen. Als Reaktionen auf das Gehörte kamen bei der Hörerschaft immer wieder Lächeln, Staunen, Begeisterung und fragende Blicke auf, aber auch zufriedengestellte Gesichter auf die folgenden Antworten hin.

Sowohl in der Wahl des Themas sowie des Titels des Vortrags als auch in der Art der Erschließung zeigte sich Professor Thöle als erfahrener Hochschullehrer, als Kenner des christlichen Ostens, als scharfsinniger Denker und Analytiker, als einer, der die byzantinische Welt in- und auswendig kennt, die ostkirchliche Liturgie liebt sowie praktiziert und der in sich Welten verbindet.

Diese und andere Qualitäten Professor Thöles hat der Dekan der Theologischen Fakultät Prof. Dr. Dirk Evers bei der Begrüßung der nationalen und internationalen Gäste hervorgehoben. Besonders dankte er Herrn Prof. Thöle im Namen der Fakultät für die akademische Tätigkeit und die Vertretung des Faches Konfessionskunde des christlichen Ostens an der Martin-Luther-Universität. Es wurde betont, dass es dem Ostkirchenkundler immer auch darum ging, den Studenten nicht nur theoretisches Wissen über den christlichen Osten weiterzugeben, sondern auch Impulse zu geben, ihr eigenes Leben von dem Theologiestudium und der Spiritualität der Ostkirchen berühren zu lassen, denn nur so könne Fortschritt in den ökumenischen Beziehungen unter den Kirchen erreicht werden. Vor diesem Hintergrund wurde die Abschiedsvorlesung mit liturgischen Gesängen der orthodoxen Kirche umrahmt, und zwar in der Darbietung der ukrainischen orthodoxen Stipendiaten der EKD, die zurzeit auf Vermittlung Prof. Thöles  in Halle studieren.

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Prof. Thöle (1. in der 2. Reihe von rechts) mit den ökumenischen Gästen und Beobachtern während der Panorthodoxen Synode auf Kreta 2016
Foto: Archiv Ostkirchenkunde MLU Halle

Nicht nur als Professor zeichnete sich Herr Thöle als wahrhaftiger und aktiver Brückenbauer aus. Mehr als 25 Jahre nahm er die Funktion des Beraters der Evangelischen Kirche in Deutschland für die Dialoge mit den östlichen Kirchen ein. Zahlenmäßig an fast genauso vielen Dialogbegegnungen mit den orthodoxen Kirchenvertretern des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel, Russlands, Bulgariens und Rumäniens nahm er teil. Als offizieller Vertreter der EKD fungierte er bei den offiziellen Gesprächen mit den orientalischen Ostkirchen und ist Mitglied des Gesprächskreises zwischen der EKD und der orthodoxen Bischofskonferenz Deutschlands. Sein Profil als Professor und aktiver Ökumeniker führte ihn 2016 als offiziellen Delegierten und Beobachter der EKD beim Panorthodoxen Konzil der byzantinisch-orthodoxen Kirchen auf Kreta.

Herr Prof. Thöle ist mit dem Collegium Orientale seit seiner Gründung 1998 verbunden und unterstützt die Idee des ostkirchlichen internationalen Seminars. Zuletzt war er beim diesjährigen Zwölfapostel (01.07.2017) im COr zugegen. Im Rahmen dessen nahm er am internationalen Symposium zum Thema „Reformation und Ostkirchen“ teil und hielt dabei den öffentlichen Festvortrag mit dem Titel „Verheißung und Versuchung. Beobachtung zur Großen und Heiligen Synode der Orthodoxen Kirche auf Kreta 2016 aus einer lutherischen Sicht“.